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Ein unmögliches Leben – Andrew Sean Greer

April 24, 2014

Andrew Sean Greer wurde 1970 geboren. Er studierte Creative Writing und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Nebenjobs. Den Durchbruch als Schriftsteller feierte er mit dem Roman “Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli”, später folgte der internationale Bestseller “Geschichte einer Ehe”. Der Autor lebt heutzutage mit seinem Ehemann in San Francisco. “Ein unmögliches Leben” ist sein neuester Roman – er wurde von Uda Strätling ins Deutsche übertragen.

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“Das Unmögliche passiert uns allen ein Mal.”

Greenwich Village, 1985: Greta Wells beklagt zwei schmerzhafte Verluste, sie verliert nicht nur ihren Zwillingsbruder Felix, der an AIDS stirbt, sondern auch ihren Liebhaber Nathan, von dem sie verlassen wird. Der Schmerz sitzt so tief, dass sie kaum Worte für ihn findet. Der Schmerz sitzt so tief, dass sie aus ihrem Leben gerissen wird, aus ihrem Alltag – gestrandet in einem Gefühl der überwältigenden Trauer, das ihr jede Möglichkeit raubt, befreit leben und atmen zu können. Greta hat durch den Verlust ihres Bruders all ihre Lebensfähigkeit verloren. Das plötzliche Verschwinden von Nathan, raubt ihr den letzten Funken Kraft. 1985 lebt sie ein Leben unter dem Fluch von Trauer und Tod - wie gerne nur hätte sie zu jeder anderen Zeit gelebt.

“Es ist fast unmöglich, wahre Trauer zu fassen; sie ist ein Tiefseegeschöpf, das nicht ans Licht geholt werden kann. Ich sage, ich erinnere mich, traurig gewesen zu sein, aber tatsächlich erinnere ich mich bloß an Morgen, an denen die Frau im Bett – die Frau, in der ich eingeschlossen war – nicht aufwachen, nicht zur Arbeit gehen konnte, nichts von dem tun konnte, von dem sie wusste, dass es die Rettung wäre, sondern sich an das hielt, was sie zerstören musste: Alkohol, verbotene Zigaretten und endlose verlorene schwarze Stunden der Einsamkeit.”

Greta entscheidet sich schließlich dazu, eine Elektrokonvulsionstherapie zu machen, doch als sie am nächsten Morgen nach dem ersten Behandlungstag aufwacht, fühlt sie sich ganz und gar nicht besser. Der Doktor hatte eine leichte Desorientierung prophezeit, doch das, was Greta erlebt, ist anders als alles, was sie sich je hätte vorstellen können. Sie wacht in einem Leben auf, das ihr fremd ist, sie wacht als eine Greta auf, die ihr unbekannt ist. Sie ist immer noch Greta, doch sie wacht im Jahr 1918 auf. Das, was sie sich in einem Moment der Verzweiflung gewünscht hat – zu einer anderen Zeit zu leben – wird plötzlich Wirklichkeit.

1918 befindet sich die Welt im Krieg, aber immerhin lebt Felix noch, auch Nathan lebt - doch er musste in den Krieg ziehen. Während seiner Abwesenheit hat Greta eine heimliche Affäre mit ihrem Herzensfreund Leo. Die Zeiten damals sind noch anders, während Felix 1985 einen Lebenspartner hat, hat er 1918 eine Freundin, die er heiraten möchte und ein belastendes Geheimnis. Nach der nächsten Anwendung EKT, katapultiert es Greta in das Jahr 1941 – der nächste Krieg zeichnet sich bereits drohend am Horizont ab. Felix ist mittlerweile verheiratet und hat ein Kind, genauso wie Greta, die mit Nathan den Sohn Fee großzieht. Ein schwerer Autounfall hat das Leben dieser Greta durcheinander gebracht – ihre beste Freundin Ruth ist dabei verstorben.

“Du wünscht dir was, und es entsteht eine andere Welt, in der dieser Wunsch wahr wird, egal, ob du sie jemals zu sehen bekommst. In diesen anderen Welten sind alle deine geliebten orte da, deine geliebten Menschen. Und vielleicht wird in einer von diesen Welten alles Unrecht wiedergutgemacht und das Leben so, wie du es dir wünschst. Was also, wenn du die Tür fändest? Was, wenn du den Schlüssel hättest? Denn eins wissen wir: Dass das Unmögliche uns allen ein Mal passiert.”

Gemeinsam ist allen drei Gretas die Traurigkeit, gemeinsam in allen drei Leben ist das Personal – nur die Konstellationen unterscheiden sich. 1918 lebt Felix noch, doch Greta befürchtet, dass er sich durch die Hochzeit in ein unglückliches Leben drängen lässt. Sie fürchtet um ihren Bruder, der Deutscher ist und Repressalien der Amerikaner ausgesetzt ist. Sie vermisst Nathan, mit dem sie noch zusammen ist, der sich jedoch im Krieg befindet. Auch 1941 leidet Greta seit dem schweren Autounfall an einer depressiven Verstimmung.

Andrew Sean Greer erzählt in “Ein unmögliches Leben” über drei unterschiedliche Leben, die er in einer einzigen Figur vereint. Die Abschnitte – 1918, 1941 und 1985 – markieren wichtige historische Ereignisse, seien es die beiden Weltkriege, Pearl Harbor, die Spanische Grippe oder der Ausbruch der AIDS-Epidemie. Losgelöst von der großen Historie geht es darüber hinaus um Homosexualität und das Leben von schwulen Männern, 1918 und 1941 war es für Felix noch viel schwieriger, sich zu seiner Sexualität zu bekennen, die er nur unter dem Deckmantel einer bürgerlichen Identität ausüben kann. Es geht aber auch um Verlust und Trauer, um die Angst davor, Menschen, die einem wichtig sind, zu verlieren, Menschen loszulassen, die einem viel bedeuten. Es geht darum, wie man Beziehungen Bestand geben kann und wie zerbrechlich diese sind – ungeachtet wie gut man den Partner zu kennen glaubt.

“Ist es besser, von einem Tod zu hören oder dabei zu sein? Ich hatte beides erlebt, aber ich kann es euch auch nicht sagen. Einen Menschen in den eigenen Armen verschwinden zu sehen ist fast zu viel für das Leben, trifft ins Mark, aber davon zu hören ist wie erblinden: ins Leere greifen, taumeln, hoffen, die Wahrheit zu berühren. Unmöglich, unerträglich, was das Leben für jeden von uns bereithält.”

Zeitreiseromane sind kein neues Genre, Audrey Niffenger und zuletzt Kate Atinkson haben diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt. Auch Andrew Sean Greer lässt seine Hauptfigur durch die Zeit reisen und ein unmögliches Leben führen: Greta Wells lebt ein dreigeteiltes Leben, dadurch erfahren wir von drei unterschiedlichen Leben, keines dieser drei konnte mir jedoch besonders nahe kommen. Sprachlich befindet sich der Roman auf einem hohen Niveau, sicherlich auch dank der wunderbaren Übersetzung von Uda Strätling. Vor allem die Beschreibungen New Yorks in unterschiedlichen Jahrzehnten konnte mich begeistern und verzaubern. Darüber hinaus muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass Andrew Sean Greer bei vielen Themen leider lediglich an der Oberfläche kratzt: die historischen Ereignisse, um die der Roman kreist, sind gewaltig, doch irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie dem Autor lediglich als eine Folie dienen, die nicht wirklich mit viel Inhalt gefüllt wird. Vieles bleibt unausgesprochen, vieles wird nur gestreift – die deutsche Herkunft des Zwillingspärchens, die AIDS-Epidemie, der Krieg.

“Ein unmögliches Leben” von Andrew Sean Greer ist ein Roman, der mich zwiegespalten zurücklässt: die Geschichte und die Sprache haben mich begeistern und bezaubern können, doch dahinter – hinter dieser schönen Oberfläche – bleibt es leider seltsam hohl und leer. Gelesen habe ich einen magischen Roman, der auf charmante Art und Weise der Frage, was wäre wenn, nachgeht, der mich leider dennoch nicht ganz überzeugen konnte. Eine weitere lesenswerte Besprechung findet sich übrigens bei Literatur und Feuilleton.

Lesefest!

April 23, 2014

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Am heutigen 23. April ist nicht nur Tag des Bieres, sondern auch Tag des Buches! Dies sollte gefeiert werden: lest, kauft und verschenkt Bücher so viel ihr könnt, denn bereits Franz Kafka sagte, dass das Buch die Axt für das gefrorene Meer in uns sei. Wie könnte man also nicht lesen und Bücher lieben?

Weltttag des Buches

Ich möchte auch – dank des Suhrkamp Verlags – Lesefreude weiterschenken. Ich habe mich entschieden, FLUT von Daniel Galera zu verlosen, eines der Bücher, die mich im vergangenen Jahr am stärksten beeindruckt hat. Um zu gewinnen, müsst ihr nichts weiter tun, als einen kurzen Kommentar zu hinterlassen.

Feiert noch schön! :-)

Wir Erben – Angelika Reitzer

April 22, 2014

Angelika Reitzer wurde 1971 geboren. Nach einem Studium der Germanistik in Salzburg und Berlin, lebt sie heutzutage als freie Schriftstellerin in Wien. Sie hat bereits einen Erzählband und zwei Romane veröffentlicht und erhielt für diese zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Reinhard-Priessnitz-Preis und mehrere Stipendien. Mehr Informationen zu der Autorin gibt es auf ihrer eigenen Homepage.

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“Da spürt sie die Stille. Das ganze Haus ist ruhig, es ist leiser und größer als sonst. Es ist ein großes Haus, und natürlich ist es stiller, seit Lukas in Wien studiert.”

Marianne ist Anfang vierzig. Sie ist alleinerziehende Mutter, doch ihr Sohn Lukas ist mittlerweile erwachsen und hat das Mutterhaus zum Studium verlassen. Marianne lebt in Niederösterreich, ihr gehört ein großes Haus und der Betrieb einer Baumschule. Beides hat sie von ihrer Großmutter geerbt, die bis zu ihrem Tod mit Marianne zusammen gelebt hat. Nun bleibt sie alleine zurück, die Großmutter ist gestorben, der Sohn ausgezogen – sie ist zwar Teil einer weitverzweigten Familie, doch wirklich nahe fühlt sie sich niemanden. “Wie konnte sie sich hier, unter all den Menschen allein fühlen, es war unlogisch.” Sie bleibt zurück mit einem Haus und einem Betrieb, den sie geerbt, doch nie wirklich gewollt hat. Marianne ist mit siebzehn schwanger geworden, sie hat die Schule geschmissen und ein wildes Leben geführt – die Übernahme der Baumschule, war ihre einzige Möglichkeit, einen Weg zurück in die Normalität zu finden. Das, was damals eine Rettung war, ist nun beinahe ein Fluch – durch das Haus und den Betrieb ist Marianne ortsgebunden, sie ist festgelegt in einem Leben, in dem sie so fest verwurzelt ist, dass es ihr die Luft zum Atmen abschnürt.

“Den Lärm der Vögel hinter dem Haus, das Anschlagen der alten Kellertür, die aber immer geschlossen war, ein Geräusch, das Jutta nie gehört hatte. Wie konnte das gehen, all das nicht zu haben? Wie konnte man es austauschen gegen andere Aussichten, andere Geräusche, andere Gewohnheiten?”

200 Seiten lang begleiten wir Marianne durch ein Leben, das wie erstarrt wirkt.  Sie erlebt die Widrigkeiten des Alltags – den Tod der Großmutter, den Tod eines Freundes, die Erkrankung einer Bekannten – wie durch einen Schleier. Die Erzählweise ist so nüchtern und neutral, dass die Ereignisse beim Lesen beinahe emotionslos an mir vorbeigezogen sind. Es ist eine erschreckende Lethargie, die sich über Mariannes Leben gelegt hat. Hin und wieder wird erwähnt, dass sie zu viel trinkt – dieser Umstand ist sicherlich auf die erdrückende Einsamkeit, in der sie lebt, zurückzuführen. Sie hat ein Leben geerbt, das sie nun am Leben hindert – ihr französischer Liebhaber geht zurück in seine Heimat, über die Option, mit ihm zu gehen, darf Marianne gar nicht erst nachdenken, zu viele Verbindlichkeiten lassen sie wie festgewurzelt in ihrem Zuhause bleiben.

“Wenn sie sich an jeden Streit, an jede Auseinandersetzung in der Familie erinnern könnte, würde sie wohl schon lange niemanden mehr einladen. Wenn sich alle daran erinnern könnten, was sie je zueinander gesagt haben, dann wäre doch längst alles explodiert. Aber das war wahrscheinlich in allen Familien so.”

Es kommt einem Schock gleich, wenn Angelika Reitzer ihre Hauptfigur nach 200 Seiten einfach fallen lässt und sich im zweiten Teil ihres Romans auf Siri konzentriert, eine entfernte Bekannte von Marianne. Siri ist mit ihrer Offenheit und Unbedarftheit das Kontrastprogramm zu Mariannes Sesshaftigkeit. Die junge Frau, die mit ihren Eltern aus der DDR geflüchtet war, verschlägt es mal nach Japan, mal nach Amerika – ihren Studienwunsch ändert sie immer mal wieder, genauso wie die Vorstellungen ihrer Zukunft. Die Eltern hatten nach ihrer Flucht in den Westen, keine Zukunft dort für sich gesehen – die Rückkehr ist unvermeidlich. Diese Rastlosigkeit vererben sie an ihre Tochter weiter: Siri legt sich auf keine Heimat fest, stattdessen wagt sie immer wieder einen neuen Anfang, bricht immer wieder zu neuen Zielen auf, erfindet sich und ihre Geschichte in immer neuen Varianten.

“Welcher freie Mensch möchte sich diktieren lassen, wie es um ihn bestellt ist? Woran er denkt, vor dem Einschlafen, und was er macht, wenn die Angst einmal so groß ist, dass sie wirklich unüberwindbar scheint. Man ist umstellt, es ist doch nicht so, dass einem nur der eine Zugang zur Zukunft versperrt ist. Auch was war, gehört dir dann nicht. Deshalb, und das ist wichtig, muss ich mir meine eigene Geschichte erfinden.”

Angelika Reitzer hält sich mit Deutungen und Erklärungen zurück, als Leser wird man in diese beiden Leben eingeführt und es bleibt einem selbst überlassen, zu welchen Schlüssen man kommt. Siri und Marianne stehen sich beinahe wie ein Gegensatzpaar gegenüber – Siri beginnt immer wieder neue Leben, doch nie gelingt es ihr, etwas von den Anfängen auch zu beenden, stattdessen lässt sie sich treiben. Marianne dagegen ist festgelegt in einem Leben, das ihr zwar eine materielle Sicherheit bietet, dafür aber keinen Raum zur freien Entfaltung lässt. Beide Frauen sind Erbinnen, sie haben ein Leben geerbt, sie haben eine Tendenz zum Leben geerbt und beide versuchen Wege zu finden, mit diesem Erbe umzugehen.

“Wir Erben” ist ein Buch, das nachdenklich stimmt – ein Buch, das viele offene Fragen aufwirft und dabei dazu anregt, über Fragen nach Herkunft, Heimat und dem eigenen Leben nachzudenken. Die Erzählstimme ist monoton und nüchtern, auf der einen Seite habe ich das als sehr authentisch empfunden, auf der anderen Seite krankt das Buch manchmal an einem gewissen Gefühl der Langeweile. Es passiert eigentlich so viel, doch nichts scheint die Schutzschicht von Marianne wirklich durchbrechen zu können.

“Wut ist manchmal auch dabei. Immer will die eine von der anderen etwas, aber noch mehr will jede von sich selber. Es geht darum, wie man aus der Welt eine bessere machen kann. Eine Möglichkeit oder eigentlich viele, aber einmal anfangen.”

Angelika Reitzer legt mit “Wir Erben” einen wunderbaren Roman vor, den ich gerne gelesen habe. Es ist ein Roman über das Leben, über das Leben, das wir führen und über das, was wir gerne führen würden. Es ist ein Roman über Heimat und Wurzeln, über Freiheit und Träume und ein Roman über den Wunsch danach, einen Platz im Leben zu finden.

 

Ostergrüße!

April 20, 2014

 

 

Bandit und ich senden ganz liebe Ostergrüße und hoffen, dass ihr die Feiertage mit einem guten Buch genießen könnt! Ich verbringe die sonnigen Tage bisher beinahe völlig blog- und buchlos, dafür aber an der frischen Luft – meinen Lesebegleiter immer an meiner Seite, der nicht nur gerne liest, sondern vor allen Dingen gerne buddelt, schwimmt und die Berge rauf und runter rennt. Ich hoffe, ihr habt eine ähnlich gute Zeit! :-)

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Knockemstiff – Donald Ray Pollock

April 18, 2014

Donald Ray Pollock wurde 1954 geboren und wuchs im US-Bundesstaat Ohio auf. Als er siebzehn Jahre alt war, verließ er die Schule ohne Abschluss und begann damit, in einer Fleischfabrik zu arbeiten, danach war er in einer Papiermühle tätig. Erst dreißig Jahre später entschloss er sich dazu, an der Abendschule seinen Abschluss nachzuholen, anschließend schrieb er sich an der Ohio State University ein. “Knockemstiff” ist sein Debütroman und erschien im Original im Jahr 2008, 2011 folgte der Roman “Das Handwerk des Teufels”. Übersetzt wurde “Knockemstiff” von Peter Torberg.

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“Ich bin schon mein ganzes Leben lang hier, wie ein Giftpilz an einem verrotteten Baumstumpf, nicht mal in die Stadt gehe ich, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.”

Knockemstiff ist ein karger und trostloser Ort, eine Art Senke mitten in Ohio – im Westen Amerikas. Kaum einer der Bewohner dieses Kaffs, hat in seinem Leben schon einmal etwas anderes gesehen, als das wenige, dass es in Kockemstiff gibt: eine Bar, einen kleinen Kiosk, ein Autokino, eine Tankstelle und viele viele dreckige und verfallende Häuser und Wohnwagen. Es gibt kaum mal einen Fremden, der sich freiwillig an diesen tristen Ort verirrt. Die Menschen, die das Schicksal nach Knockemstiff gespült hat, teilen eine Gemeinsamkeit: eine erdrückende Trostlosigkeit. Viele von ihnen arbeiten in den nahe gelegenen Fabriken, wenn sie denn überhaupt arbeiten – ansonsten leben sie von der Wohlfahrt.

“Der Wind strömte durchs offene Fenster herein und trocknete mir den Scheiß. Es fühlte sich an, als würde der Impala über die Straße schweben. Das hast du gut gemacht, sagte ich bei mir, immer und immer wieder. Das war verflucht noch mal das Einzige, was mein Vater je zu mir gesagt hatte, das ich nicht vergessen wollte.”

Ohne Vorwarnung wird der Leser von Donald Ray Pollock in die dunkle und düstere Welt von Knockemstiff gestoßen. Knockemstiff ist ein Ort, an dem Hoffnungslosigkeit, Resignation und Depressionen aufeinander treffen, bei vielen Bewohnern kommt auch noch die Frustration hinzu. Diese gefährliche Mischung wird von Generation zu Generation weitergereicht, bereits viele der älteren Bewohner konnten sich kein anderes Leben vorstellen, als das, was sie in Knockemstiff führen. Es ist ein einfältiges Leben, geprägt von Gewalt, Sex und Alkohol, geprägt von Kriminalität und Wut. Es ist ein Leben, das sie an ihre Kinder weitergegeben haben, ein Leben, das in ihren Enkeln fortlebt. Es ist ein Leben ohne Hoffnung darauf, dass sich jemals etwas ändern wird. Die Sprache in Knockemstiff ist rau, dort ist es nicht einfach heiß, sondern heißer als im Schlitz einer dicken Frau. Die Hoffnungslosigkeit wird mit Alkohol und Drogen betäubt, die Trostlosigkeit durch die Gier nach Sex ersetzt. Das Einzige, dessen Abwesenheit immer wieder schmerzhaft bewusst wird, das fehlt, ist Traurigkeit und der Wunsch nach Veränderung. Kaum einer der Bewohner ist dazu fähig, sich zu spüren und die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, kaum einer von ihnen sehnt sich danach, aus der Trostlosigkeit auszubrechen und woanders noch einmal von vorn anzufangen. Stattdessen versuchen alle irgendwie und so gut sie können, ihr Leben zu vergessen. Knockemstiff scheint ein Ort zu sein, dessen Bewohner in eine Starre gefallen sind, eine Starre, die bewegungsunfähig macht, die nur aufgebrochen wird, um das nächste Bier zu trinken oder die nächste Pille zu schlucken.

In insgesamt 18 kurzen Erzählungen fängt Donald Ray Pollock das Leben an diesem seltsamen Ort ein. Die ersten Erzählungen spielen in den sechziger Jahren, später befinden wir uns in den neunziger Jahren – eine genaue zeitliche Orientierung fällt jedoch schwer, denn es gibt kaum konkrete Anhaltspunkte. Die Erzählungen sind lose miteinander verknüpft, manchen Figuren begegnet man wieder, andere tauchen einmal auf und verschwinden dann für immer. Ich habe das Buch dennoch weniger als Erzählband gelesen, denn als einen Roman. Am Ende schließt sich der Kreis: wir begegnen Bobby wieder, dem Jungen aus der ersten Erzählung – mittlerweile ein erwachsener Mann, der immer noch nicht im Leben angekommen ist. Der gegen seine Dämonen und gegen die Übermacht des Vaters kämpft.

 “Ich fühle mich beschissen dabei, das zuzugeben, aber es gibt Tage, da würde ich alles darum geben, ihn einfach nur wie ein kaputtes Küchengerät an die Straße stellen zu können, damit die Müllabfuhr ihn mitnimmt.”

Junction of Shady Glen Road and Black Run Road in Knockemstiff, Ohio. Quelle: Wikipedia.

Den Ort des Geschehens, dieses trostlose Kaff mit dem mysteriösen Namen, gibt es übrigens wirklich. Knockemstiff ist eine Geisterstadt in Ohio, die auch unter den Namen Glenn Shade oder Shady Glenn bekannt ist. Um den Namen kreisen eine Vielzahl an Mythen, unter anderem gibt es die Geschichte, dass eine Frau dem Priester erzählt habe, dass ihr Ehemann sie betrügen würde – der Rat des Priesters war: ” Knock ‘em stiff!” Donald Ray Pollock gelingt mit “Knockemstiff” ein erschreckendes Abbild des etwas anderen Amerikas. Die Beschreibungen dieses einzigartigen Ortes, sind unheimlich authentisch – dem Autor gelingt es, die Lebenswelt seiner Figuren in all ihrer Düsternis abzubilden, sie auf Papier zu bringen und dadurch irgendwie greifbar zu machen. Dies funktioniert vor allem auch Dank der großartigen Sprache – und der großartigen Übersetzung.

“Knockemstiff” ist ein hartes und erbarmungsloses Buch. Es ist roh und so rau, dass man Gefahr läuft sich beim Lesen zu stoßen und blaue Flecken zu bekommen. Es ist so schonungslos und düster, dass es schwer fällt zu behaupten, dass mir das Buch gefallen habe. Es hat mich ausgeknockt, umgehauen, es ist so intensiv, dass es mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Es gab immer wieder Momente, in denen ich das Buch nur schwer zur Seite legen konnte. Einerseits hat es mich abgeschreckt, andererseits aber auch unheimlich fasziniert.

Die Illusion des Getrenntseins – Simon van Booy

April 16, 2014

Simon van Booy wuchs in Wales auf und lebt heutzutage mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Brooklyn. Er ist nicht nur Romanautor, sondern hat auch bereits drei Philosophiebücher veröffentlicht, darüber hinaus schreibt er Artikel für die New York Times, den Guardian und die BBC. Weitere Informationen zum Autor finden sich auf seiner Homepage. Übersetzt wurde der Roman, der in diesem Bücherfrühjahr erschien, von Claudia Feldmann.

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“‘Unsere Liebe zu dir’, sagte sie, ‘wird immer größer sein als irgendeine Wahrheit.’”

Martin verlebt eine glückliche Kindheit, aber die Umstände seiner Geburt sind rätselhaft. Seine Eltern kümmern sich so um ihn, als wäre er ihr leibliches Kind, doch das ist Martin nicht. Es war Sommer und es war Krieg, als ein fremder Mann ihr das Baby in die Arme drückte. All das erfährt Martin als er alt genug ist, um in die Schule zu gehen. Es ist ein schwieriges Gespräch, doch die Mutter versichert ihrem Sohn, dass ihre Liebe zu ihm immer größer sein wird, als irgendeine Wahrheit. Es wird sein ganzes Leben dauern, bevor Martin dem Mann begegnen sollte, der ihn seiner Mutter in die Arme gedrückt hat und selbst in diesem Moment weiß er nicht, wer da eigentlich vor ihm steht.

“Bald fielen die Tropfen schneller, als meine Hand schreiben konnte, aber ich hörte nicht auf, ich schrieb weiter, bis es nichts mehr zu sehen gab, nichts mehr zu lesen, nur noch den Augenblick des Drucks, nichts davor und nichts danach.”

Während der Klappentext den Eindruck erweckt, als würde die Geschichte von Martin im Zentrum des Romans stehen, kreist die Geschichte in Wirklichkeit um fünf Charaktere, deren Schicksale auf ganz unterschiedliche Weise miteinander verwebt ist. Manche von ihnen wissen voneinander, manche sind auf seltsame Art miteinander verbunden, ohne dies jedoch zu wissen. Die Geschichte beginnt in Los Angeles im Jahr 2010, danach lernen wir einen entstellten Kriegsveteranen kennen, der 1981 in Manchester lebte. 1968 begegnen wir einem Schuljungen in Saint-Pierre, 1942 einem Liebespaar auf Coney Island und wir lernen Amelia kenne, eine blinde Frau, die mit ihren Eltern in den Hamptons lebt.

“Manchmal wache ich auf und liege so still da, dass ich hören kann, wie aus dem Strauß in der Vase ein Blütenblatt herabfällt. Manchmal liege ich wach und wünsche mir, dass es jemanden gäbe, der hört, wie ich falle. In der Sicherheit meines Bettes, auf dem Drahtseil zwischen Wachen und Träumen, fühlen sich meine Fantasien so wirklich an, als wären sie nur wenige Schritte entfernt, hinter einer Ecke, die niemals endet.”

Simon van Booy verwebt all diese Erzählstränge miteinander. In jedem Kapitel widmet er sich einer anderen Figur und nähert sich dabei Stück für Stück den Elementen, die alles miteinander verbinden. Beim Lesen habe ich mich immer wieder nach den Querverbindungen gefragt, nach den Zusammenhängen, die manchmal offensichtlich sind, doch manchmal auch im Verborgenen liegen. Manche Verbindungen offenbaren sich erst auf den letzten Seiten. Ein Großteil meiner Lesefreude hat sich aus dieser ungewöhnlichen Erzählweise gespeist, über die ich nicht zu viel verraten darf, um euch die Freude nicht zu verderben. Darüber hinaus haben mich vor allen Dingen die Passagen beeindruckt, in denen Simon van Booy in das Kriegsgeschehen eintaucht und das Schicksal eines Amerikaners beschreibt, der während des Krieges mit seinem Flugzeug in Frankreich abstürzt. An den Stellen, an denen das Kriegsgeschehen beschrieben wird, wird die Erzählung so dicht, dass ich kaum noch Atem holen konnte.

“Sein Bild ist unfertig. Die Skizze einer anderen Welt. Er fühlt diese Welt, in dem er sich andere ausmalt. Das Spiel ist der Raum, in dem er sich erkennt. Mit seiner Zimmertür schließt er ein Leben, denn es gibt so viele.”

Die Sprache des Romans ist überaus poetisch, die Sätze sind kurz. Simon van Booys Figuren weinen nicht, ihre Tränen malen Punkte auf die Tischdecke. Manchmal offenbart sich auf den Seiten so viel weise Leere, dass ich geglaubt habe, in einem Gedicht festzustecken und nicht in einem Roman. An manchen Stellen tritt die Erzählung hinter den Versuch zurück, bei jedem Satz eine größt mögliche Schönheit zu erreichen. Der wunderbare Titel des Romans bezieht sich auf ein Zitat von Thich Nhat Hanh, der sagt: “Wir sind hier, um aus der Illusion unseres Getrenntseins zu erwachen.” Doch auch im Roman selbst findet sich eine Anspielung auf den Titel, denn es ist der Titel einer Museumsausstellung, die Amelia mitorganisiert hat. Es ist eine Ausstellung über amerikanische Fotografien, die während des Zweiten Weltkriegs in Europa verloren gegangen sind.

“In seiner Vorstellung lebten sie immer noch zusammen.”

Der Roman hätte keinen besseren Titel tragen können, denn in diesen Worten spiegelt sich das wider, was den Kern des Romans ausmacht: es geht darum, dass wir alle – auf die ein oder andere Art und Weise – miteinander verbunden sind. Simon van Booy beschreibt das Leben von fünf Menschen, die über mehrere Jahrzehnte miteinander verbunden sind, die sich vielleicht auf der Straße nicht erkennen würden und fremd wären, die aber ein gemeinsames Schicksal teilen. Natürlich, natürlich – der Autor lässt die Lebenslinien seiner Figuren derart miteinander kreuzen, dass man vor Ungläubigkeit aufschreien möchte. Und doch: wir wissen vielleicht nichts voneinander, doch manchmal ist man sich näher, als man glaubt und Lebenslinien kreuzen sich, ohne, dass man dies bemerkt.

Simon van Booy webt in “Die Illusion des Getrenntseins” einen dichten Erzählteppich, voller poetischer und todtrauriger Sätze. Man muss sich auf die Illusion des Autor einlassen, wenn dies gelingt, dann wird man nicht nur mit einer traurigen und unheimlich berührenden Geschichte belohnt, sondern auch mit einer wunderbaren Sprache.

Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virgina Woolf – Michael Maar

April 14, 2014

Michael Maar wurde 1960 geboren und hat unter anderem Bücher über Thomas Mann, Vladimir Nabokov, Harry Potter und Marcel Proust veröffentlicht. Für seine bisherigen Veröffentlichungen erhielt der Autor bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen, zuletzt den Heinrich-Mann-Preis der Berliner Akademie der Künste. Vor zwei Jahren erschien im C.H.Beck Verlag “Die Betrogenen”, sein erster Roman. “Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virgina Woolf ” wurde im vergangenen Jahr veröffentlicht.

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“Ein Mann ohne Tagebuch (er habe es nun in den Kopf oder auf Papier geschrieben) ist, was ein Weib ohne Spiegel.”

Michael Maars Parforceritt durch die Geschichte des literarischen Tagebuchs umfasst 220 Seiten, 40 Kapitel und ein Personenregister, das sich über sechs Seiten erstreckt. Im Titel erwähnt werden bereits Samuel Pepys und Virgina Woolf, doch Michael Maar streift diese beiden Tagebücher lediglich und richtet seinen Fokus stattdessen darauf, die Vielfalt der unterschiedlichen Tagebücher aus insgesamt vier Jahrhunderten vorzustellen: Erwähnung finden unter anderem Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Heimito von Doderer, Franz Kafka, Helmut Krausser, Thomas Mann, Katherine Mansfield, Brigitte Reimann, Susan Sontag und Oscar Wilde.

Der Autor bezeichnet sein eigenes Buch als kleine Promenade und in der Tat fühle ich mich als Leserin so, als würde ich an all diesen Diaristen vorbeispazieren und kurz in ihre Leben eintauchen, bevor ich in ein weiteres Leben, ein weiteres Schicksal eintauche. Der rote Faden von Michael Maar ist die Frage danach, was einen Menschen dazu bringt, Tagebuch zu führen.

“Nur in Tagebüchern ist das Allerprivateste so unlösbar verschlungen mit dem, was später als Datum in den Geschichtsbüchern stehen wird. Ein Tagebuch, nicht zuletzt darin liegt sein Reiz, gibt immer auch ein absichtsloses und um so getreueres Bild seiner Zeit.”

Die Tagebücher, die Michael Maar für seine Analyse heranzieht, sind vielfältig und entstammen insgesamt vier Jahrhunderten – ich stoße auf Männer wie August Graf von Platen, der seinem Tagebuch sich und seine Sexualität offenbart. Auch andere Tagebuchschreiber offenbaren in ihren privaten Journalen tiefste Geheimnisse, dementsprechend ist mit dem Schreiben eines Tagebuchs auch immer die Angst verbunden, entdeckt und verraten zu werden. Tagebücher können manchmal auch wahre Giftkammern sein, in denen die Schreiber mit ihren Mitmenschen abrechnen. Eine weitere Gattung, die häufig anzutreffen ist, sind Traumtagebücher. Besonders heraus aus der überwältigenden Masse der Tagebücher ragen sicherlich die, die im Angesicht der großen Geschichte geschrieben werden – Erwähnung finden unter anderem Anne Frank und Viktor Klemperer.

“Wieder sind es die Details, die uns die große gräßliche Geschichte atmend, lebend, zuckend anschaulich machen, bevor sie in Begriffen und später in Phrasen sterilisiert werden.”

Michael Maar ist jedoch nicht nur an der Frage interessiert, warum so viele Tagebücher schreiben, sondern auch an der Frage, warum wir diese Tagebücher so gerne lesen. Ein entscheidender Grund ist sicherlich der, dass Tagebücher die Möglichkeit geben, tief in das Leben und die Gedanken fremder Menschen einzutauchen – häufig sind es ungefilterte und unverstellte Gedanken, die in Tagebüchern geäußert werden. Doch dies hat auch eine dunkle Kehrseite, denn woher kann man sich als Leser sicher sein, dass das Tagebuch den wahren Menschen widerspiegelt und keine Fälschung ist? Ein berühmtes Beispiel in diesem Zusammenhang sind die Tagebücher von Anaïs Nin, die viele Frauen mit ihrem Bericht über eine Fehlgeburt rührte, bevor sich herausstellte, dass es sich in Wirklichkeit um eine Abtreibung handelte.

“Das Tagebuch ist gewissermaßen die Beschwerdestelle, deren Schalter nie geschlossen hat, die Hotline ohne Warteschleife – und noch dazu gebührenfrei.”

Auf den letzten Seiten dieser aufregenden Entdeckungsreise durch die Geschichte des Tagebuchs, widmet sich Michael Maar unserer heutigen Gegenwart und findet in dieser nur wenig Gutes – das, was ehemals das handgeschriebene Tagebuch gewesen ist, wird nun durch Facebook und Blogs ersetzt. Die Sprache dessen, was Facebookuser posten, ist für ihn eine Pestilenz und die Bilderflut ein Sinnbild für die sich einschleichende Ent-Alphabetisierung.

“Tagebücher bieten das, was heute das Internet bietet: unsortierte und unzensierte, wild blühende und wild wuchernde Informationen; Gerüchte, die nie den Weg zum Druck finden, kuriose Details und abseitige Aperçus. Was in den Zeitungen steht, passiert viele redaktionelle Filter. Was im Tagebuch oder im Internet-Blog steht, keinen einzigen. Es ist darum viel Katzengold unter dem, was glänzt, aber gerade das macht seinen leicht schmutzigen Reis.”

Michael Maar legt mit “Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virgina Woolf” eine unterhaltsame und informative Entdeckungsreise durch die Welt der Tagebücher vor. Mein Urteil fällt dennoch zwiespältig aus, denn zum einen kann ich das Buch jedem nur ans Herz legen, doch zum anderen ist es eine wahre Gefahr für jede Wunschliste!

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